Nähen, wie im Land des Lächelns

Japanische Nähbücher und was wir in Europa damit anfangen können.

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Japanerinnen sind von Statur und Aussehen ziemlich gegensätzlich zu uns Europäerinnen: klein, zierlich, schwarzhaarig und weisshäutig. Das wäre alles wunderbar, würden sie nicht so tolle Nähbücher herausbringen. Die durchschnittliche Körpergrösse für Frauen beträgt in Japan 160 Zentimeter. Das ist klein aus meiner Perspektive. Schade, aber nicht zu ändern. Nicht zu ändern sind für mich leider auch die Schnittmuster dieser Bücher. Wer sich das aber zutraut – oder selbst nicht zu den Hochgewachsenen gehört – sollte unbedingt das eine oder andere Stück nachnähen.

Zum Beispiel ein Stück aus den drei Büchern von Yoshiko Tsukiori, Japanisches Modedesign zum Selbernähen, die sie in den Jahren 2009 bis 2011 herausgegeben hat. Hier findet man vor allem blumige Kleider, gerüschte Blusen und weite Hosen. Tsukioris Sachen sind sehr gut kombinierbar und sehr figurschmeichelnd.

Nach westlichem Empfinden noch japanischer wird es bei Simple Modern Sewing von Shufu To Seikatsu Sha, 2008. Hier gibt es weite Stoffhosen, Röcke, weite Blusen mit Raglanärmeln, Wickel- und Kittelkleider in Baumwolle und Leinen. Das hört sich sehr traditionell an, doch es sind wirklich coole Stücke, die irgendwie zu allem passen. Die meisten Stücke scheinen sich in fast allen gewobenen Stoffen verwirklichen zu lassen

Angefangen hat für mich alles mit dem Buch shapeshape von Natsuno Hiraiwa (2007) von dem es mittlerweile noch eine weitere Folge gibt. Hiraiwa hat Kleidungsstücke entworfen, die sich auf verschiedene Arten tragen lassen. Mal die Vorderseite einer Bluse hinten oder auch nur eine Seite der Bluse nach oben gedreht, um einen Wickeleffekt zu erzielen.

Sehr schön sind auch die Bücher Drape Drape 1-3 von Hisako Sato (2009-2011). Sie stellt in ihren Büchern die unterschiedlichsten Drapiertechniken vor von Raffen über Fälteln bis Knöpfen.

Ich liebe die Anleitungen mit den fast mathematisch genauen Zeichnungen, die in allen Büchern vorkommen. Manchmal denke ich, man muss nicht einmal unbedingt lesen können, um die Sachen nachzunähen.

Doch ehrlich gesagt, habe ich bis jetzt erst eine Tasche aus einem japanischen Nähbuch genäht, die Left Bank Granny Bag aus dem Buch carry me. 20 Boutique Bags to sew von Yuka Koshizen. Das ging sehr gut, alles hat gestimmt, keine Frage blieb offen. Doch die Schnitte für Kleider 20 Zentimeter zu verlängern – ich wage gar nicht an die Erweiterung in der Breite zu denken – das kann ich mir nicht vorstellen, da bekomme ich die Proportionen nicht in den Griff.

Die Bilder dieser Bücher von der anderen Seite der Welt vermitteln einen ruhigen, sachlichen, friedlichen Eindruck. Es scheint, als ob Japanerinnen gerne den Typ anmutiges, kleines Mädchen verkörpern. Natürlich tragen sie zu ihren Hängerchen auch Bikerboots, aber das Wort „rockig“ hat da oder dort eine ganz andere Dimension.

Unbestritten Nummer 1 sind die Japanerinnen im Drapieren, in Falten legen, drüber und drunter tragen, Schichten bilden. So wie diese Kleider in den japanischen Nähbüchern getragen werden, sieht Layering wirklich super aus. Ich finde, man muss das können. Ein Fehlgriff in Stoff und Kleidungsstück und man gibt schnell die Waldhexe, nicht die Waldelfe.