Nummer 3/12 – Der Rock Tedra Maxi

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Einfacher geht’s nicht, das Mai-Stück: Rock, A-Linie, Bund aus Ripsband und Reissverschluss. Letzterer ist noch die grösste Herausforderung an dem Teil. Ich liebe die nahtverdeckten Reissverschlüsse. Die sehen am besten aus (man sieht sie nämlich nicht, wie der Name schon sagt) und wenn man einmal raus hat wie rein nähen, will man keinen anderen Reissverschluss mehr nehmen.

Die Nähte, die Rock Tedra braucht, kann man fast an einer Hand abzählen.

Der Rock ist diagonal zugeschnitten. Das wirkt in der ganzen Schlichtheit schon wie eine Finesse. Auf Englisch hört sich das auch so an „bias-cut“. Damit kommt der Stoff sehr schön zur Geltung und legt sich leicht gedehnt um die Figür.

Ich habe einen mittelschweren Jeans-Stoff genommen, der aus roten und weissen Fäden gewebt wurde. Das ergibt fast einen Changeanteffekt. Anfang Mai, war das noch die richtige Wahl. Heute würde ich vielleicht Leinen nehmen. Jedenfalls keinen zu feinen Stoff, hier braucht es etwas Schwere. Sehr schön passen dazu T-Shirts im Sweatshirt Look oder kurze Jacken und Pullover.

Ihr seht selbst, mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen.

Ich werde jetzt vielleicht gleich noch so einen Rock nähen und noch einen und noch einen und … Lottas Schnitte machen süchtig.

Alles was das Nähherz begehrt!

 

Vor ein paar Tagen habe ich meinen grossen Traum wahrgemacht und bin nach Zürich gefahren, um bei Pompon einzukaufen. Das Geschäft kenne ich schon länger als einen meiner Lieblingsonlineshops. Schon meterweise Stoffe habe ich mir aus dem Laden am Idaplatz kommen lassen. Aber wenn die Stoffballen direkt in greifbarer Nähe sind und man die Materialen sehen und fühlen kann, ist die Vorfreude aufs Nähen noch viel grösser.

Es war wie im Feinkostladen. In einem hohen Raum lagern die schönste Stoffe:

„Designerstoffe aus Italien im Retrostil, robuste Baumwollstoffe aus Japan, farbig gemusterte Stoffballen aus Amerika, lustige Kinderjerseys aus dem hohen Norden“!

(so schreibt Pompon im Flyer) Ausserdem gibt es Schnittmuster von Merchant & Mills aus England, Schnittchen aus Deutschland, Minikrea aus Dänemark, Named aus Finnland oder Deer & Doo aus Frankreich.

Während wir uns umsahen, ratterten im Hinterzimmer die Nähmaschinen, wo gerade einer der vielen Nähkurse stattfand, die Pompon anbietet. Am liebsten hätte ich dort meine Zelte aufgeschlagen.

Gekauft habe ich (little girl in the candyshop) fast nichts : eine wunderbare Sommerwolle, ein Jackenstoff mit Metallfaden gewoben und zwei Resten Baumwollbatist. Das Angebot war einfach zu gross. Leider habe ich das Geschäft ohne grosse Projektvorstellung betreten. Aber ich werde wieder hingehen.

Zum Glück gibt es Pompon auch online!

 

Nebenbei: Am besten erreichbar ist der Idaplatz mit Tram Linie 3 vom Hauptbahnhof zum Lochergut. In nur zwei Minuten zu Fuss erreicht man das Kafi Dihei an der Zurlindenstrasse für die verdiente Kaffeepause.

 

 

Nähen, wie im Land des Lächelns

Japanische Nähbücher und was wir in Europa damit anfangen können.

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Japanerinnen sind von Statur und Aussehen ziemlich gegensätzlich zu uns Europäerinnen: klein, zierlich, schwarzhaarig und weisshäutig. Das wäre alles wunderbar, würden sie nicht so tolle Nähbücher herausbringen. Die durchschnittliche Körpergrösse für Frauen beträgt in Japan 160 Zentimeter. Das ist klein aus meiner Perspektive. Schade, aber nicht zu ändern. Nicht zu ändern sind für mich leider auch die Schnittmuster dieser Bücher. Wer sich das aber zutraut – oder selbst nicht zu den Hochgewachsenen gehört – sollte unbedingt das eine oder andere Stück nachnähen.

Zum Beispiel ein Stück aus den drei Büchern von Yoshiko Tsukiori, Japanisches Modedesign zum Selbernähen, die sie in den Jahren 2009 bis 2011 herausgegeben hat. Hier findet man vor allem blumige Kleider, gerüschte Blusen und weite Hosen. Tsukioris Sachen sind sehr gut kombinierbar und sehr figurschmeichelnd.

Nach westlichem Empfinden noch japanischer wird es bei Simple Modern Sewing von Shufu To Seikatsu Sha, 2008. Hier gibt es weite Stoffhosen, Röcke, weite Blusen mit Raglanärmeln, Wickel- und Kittelkleider in Baumwolle und Leinen. Das hört sich sehr traditionell an, doch es sind wirklich coole Stücke, die irgendwie zu allem passen. Die meisten Stücke scheinen sich in fast allen gewobenen Stoffen verwirklichen zu lassen

Angefangen hat für mich alles mit dem Buch shapeshape von Natsuno Hiraiwa (2007) von dem es mittlerweile noch eine weitere Folge gibt. Hiraiwa hat Kleidungsstücke entworfen, die sich auf verschiedene Arten tragen lassen. Mal die Vorderseite einer Bluse hinten oder auch nur eine Seite der Bluse nach oben gedreht, um einen Wickeleffekt zu erzielen.

Sehr schön sind auch die Bücher Drape Drape 1-3 von Hisako Sato (2009-2011). Sie stellt in ihren Büchern die unterschiedlichsten Drapiertechniken vor von Raffen über Fälteln bis Knöpfen.

Ich liebe die Anleitungen mit den fast mathematisch genauen Zeichnungen, die in allen Büchern vorkommen. Manchmal denke ich, man muss nicht einmal unbedingt lesen können, um die Sachen nachzunähen.

Doch ehrlich gesagt, habe ich bis jetzt erst eine Tasche aus einem japanischen Nähbuch genäht, die Left Bank Granny Bag aus dem Buch carry me. 20 Boutique Bags to sew von Yuka Koshizen. Das ging sehr gut, alles hat gestimmt, keine Frage blieb offen. Doch die Schnitte für Kleider 20 Zentimeter zu verlängern – ich wage gar nicht an die Erweiterung in der Breite zu denken – das kann ich mir nicht vorstellen, da bekomme ich die Proportionen nicht in den Griff.

Die Bilder dieser Bücher von der anderen Seite der Welt vermitteln einen ruhigen, sachlichen, friedlichen Eindruck. Es scheint, als ob Japanerinnen gerne den Typ anmutiges, kleines Mädchen verkörpern. Natürlich tragen sie zu ihren Hängerchen auch Bikerboots, aber das Wort „rockig“ hat da oder dort eine ganz andere Dimension.

Unbestritten Nummer 1 sind die Japanerinnen im Drapieren, in Falten legen, drüber und drunter tragen, Schichten bilden. So wie diese Kleider in den japanischen Nähbüchern getragen werden, sieht Layering wirklich super aus. Ich finde, man muss das können. Ein Fehlgriff in Stoff und Kleidungsstück und man gibt schnell die Waldhexe, nicht die Waldelfe.